Das unsichtbare Superorgan, das unser Leben, Lachen und Lieben steuert 

 

Herz, Leber, Lunge  - alles klar. 
Nun haben Forscher ein neues Organ entdeckt, das jeder von uns hat, das aber auf den ersten Blick unsichtbar ist. Die Rede ist vom Mikrobiom im Darm – einer geschäftigen Gemeinschaft von Mikroorganismen, die bis zu anderthalb Kilo wiegt und nicht nur unsere Verdauung lenkt, sondern auch die Strippen zieht, wenn es um unsere Stimmung, Gesundheit und Partnerwahl geht. 

Text: Waltraud Hable

 

Was ist dieses Mikrobiom überhaupt… 


… und warum sollte ich mich mit den Bakterien, die still und heimlich in meinem Darm leben, auseinandersetzen? 
Antwort: Weil’s immer gut ist, seine Mitbewohner zu kennen. 


Nicht dass man sie womöglich unbewusst verärgert und der Körper plötzlich zwickt und zwackt. 

 
Ein gesunder Mensch trägt in jeder Sekunde 39 Billionen Mikroben spazieren – darunter versteht man Bakterien, Pilze und Archaeen („Urbakterien“). Wobei es egal ist, wie viel er sich wäscht oder wie ausgeprägt sein Sauberkeitsfimmel ist. Diese 39 Billionen sind immer da, und sie übersteigen sogar die Zahlen der Körperzellen, aus denen wir bestehen. Von Letzteren haben wir nämlich „nur“ 30 Billionen. Was dazu führt, dass es auf die Frage „Wer bin ich?“ eigentlich nur eine Antwort geben kann, nämlich: „Ich bin viele.“ Die Wissenschaft spricht nicht umsonst vom Menschen als „Holobionten“, was so viel wie Gesamtlebewesen bedeutet. 

90 Prozent der stillen Gäste sind im Darm 

Aber widmen wir uns nicht dem Fachchinesisch, sondern den wirklich wichtigen Dingen: Bakterien? Pilze? Parasiten? Nicht alle Bakterien sind Bösewichte. Die meisten dieser Winzlinge helfen uns beim Überleben und sind seit Anbeginn der Evolution in nahezu alle Prozesse des menschlichen Organismus involviert. Sie halten unsere Haut gesund. Sie befeuchten unsere Schleimhäute. Geht´s den Mikroben gut, hat auch der Mensch wenig zu meckern, könnte man vereinfacht sagen. Und weil sich sagenhafte 90% der Mitbewohner-Winzlinge im Darm zusammengerottet haben, ist diese in sich geschlossene Community besonders spannend für die Forschung – und für uns. Lange wurde in diesem Zusammenhang von Darmflora gesprochen. Heute ist von „Mikrobiom“ (=Gesamtheit aller uns besiedelnden Lebewesen) die Rede. Das klingt nicht nur schicker, es entspricht auch mehr den Tatsachen. Denn Bakterien gehören faktisch nicht der Pflanzenwelt, also der Flora, an. Sie bilden eine eigene Lebensform. Forscher plädieren sogar dafür, das Darm-Mikrobiom als eigenes Organ zu betrachten. Ein Super-Organ, das bei jedem Menschen so individuell wie der Fingerabdruck ist. Die Besiedlung im Darm kann Aufschluss darüber geben, in welcher Region der Welt wir leben. Klima und Ernährung haben Einfluss auf die Bakterien. Das Darm-Mikrobiom verrät auch, wie aktiv wir unser Leben gestallten. Oder mit wem wir uns den Wohnraum teilen. Was kein Wunder ist, immerhin werden bei einem leidenschaftlichen Kuss 80 Millionen Mikroben austauscht. Aber was in Sachen Darm-Mikrobion am meisten beeindruckt, ist, dass dieses Organ wesentlich mehr lenkt, als bisher angenommen wurde.
 

Diese Untermieter reden mit dem Oberstübchen 

Die Untermieter im Darm sind nicht nur für die Verdauungsprozesse wichtig, indem sie „unverwertbare“ Nahrungsbestandteile aufbrechen und für unseren Körper verfügbar machen. Sie kommandieren vor allem das Oberstübchen ordentlich herum. Täglich werden tausende Befehle vom Darm ins Hirn gejagt. Haben sich etwas übermäßig viele zucker- und fettliebende Bakterien in unserem Darm breitgemacht, quälen diese das Hirn mit Heißhunger-Attacken. Die Winzlinge fordern: „MEHR Süßzeug! MEHR Chips!“ Der Wille kann noch so eisen sein, am Ende sind die Darmbakterien meist stärker, denn die „Standleitung“ zum Hirn, der sogenannte Vagusnerv, ist tief in den Darm hinein verzweigt und schickt konstant Botschaften nach oben. Auch nicht ohne: Im Magen-Darm-Trakt wird Serotonin, das sogenannte „Glückshormon“, produziert und gespeichert, was wiederum Auswirkungen auf unseren Schlaf, Ängste und unsere Stimmung hat. Obendrein scheint ein Zusammenhang zwischen Darm-Mikrobiom und Depressionen, Autismus, Multipler Sklerose, Diabetes und Parkinson zu bestehen. 

Wer sind die Chefs im Darm? 

An dieser Stelle könnte man einwerfen: Warum tauscht man dann nicht einfach „schlechte“ Bakterien im Darm aus und verabreicht zur Genesung gesunde Bakterien? Zum Beispiel in Form von Probiotika (lebenden Mikroorganismen) oder mithilfe einer medizinischen Stuhltransplantation? (Die gibt´s wirklich.) Nun ja. Mikrobiologen haben bisher zwar rund 1.500 Bakterienstämme, die im Darm leben, entschlüsseln können. Man vermutet, dass es insgesamt 5.000 gibt. Aber die Muster, nach denen die kleinen Racker interagieren, sind großteils noch ein Rätsel. Wer ist von wem abhängig? Wer sind die Chefs? Wer die Arbeitsbienen? Was passiert, wenn eine Spezies geschwächt ist und wir eine Armada an Probiotika zu Hilfe schicken? 
Von Experten bekommt man deshalb oft zu hören: Das Darm-Mikrobiom ist zu komplex für schnelle Löschungsansätze. Macht nichts. Denn es sind genug Eckpfeiler bekannt, die uns helfen, sensibler mit dem Superorgan umzugehen.
 

Der erste Kontakt zählt 

Pfeiler 1: Das Grundgerüst für unser Darm-Mikrobiom kommt immer von Mama. Und zwar an Tag der Geburt. Als Embryo lebt man quasi geschützt in einer sterilen Blase. Erst wenn sich das Kind durch den engen Geburtskanal in die Welt aufmacht, wird es mit Milchsäurebakterien aus dem Vaginalbereich sowie mit Haut- und Darmbakterien übersät. Weil bei Kaiserschnitt-Babys diese mütterlichen Keime fehlen und es Indizien dafür, dass dieser Umstand nicht nur für eine langsamere Entwickelung des Mikrobioms sorgt, sondern auch Allergien, Asthma sowie Autoimmunerkrankungen begünstigt, setzen immer mehr Geburtshelfer auf die Methode des „Vaginal Seeding“. Dabei wird der frisch geschlüpfte Erdenbürger Minuten nach der Entbindung mit Vaginalkeimen der Mutter in Verbindung gebracht.
 

Je mehr Keime, desto besser 

Pfeiler 2: Die erste drei Lebensjahre sin die prägendsten für unser Darm-Mikrobiom. In dieser Zeit formiert sich die Bakteriengemeinschaft so, wie sie uns im Wesentlichen für den Rest unseres Lebens begleiten wird. Muttermilch, sonstige Ernährung und alles, was in den Mund gesteckt wird und seinen Weg in den Darm findet, hat Einfluss auf das Mikrobiom. Als Faustregel gilt: Je diverser die Keime sind und je mehr soziale Kontakte wir haben, desto stärker wird das Mikrobiom. Und letztlich profitiert davon auch die Immunabwehr, denn für die Körperpolizei sind die ständig neuen Keime wichtige Sparringspartner.
 

Ernährung mischt das Mikrobiom auf 

Und dann? Was, wenn in diesen drei Lebensjahren etwas schiefläuft? Oder wenn man Antibiotika nehmen muss und damit viele Darmbakterien vernichtet? Ist dann die Chance auf ein gut funktionierendes Mikrobiom verspielt? Mitnichten. Die Grundzüge der Bakterien-Gemeinschaft, die bis zum Ende der Pubertät immer komplexer wird, mögen zwar feststehen. Aber es gibt in jedem Lebensalter die Chance, Ungleichgewichte im Darm-Mikrobiom zu korrigieren. Durch regelmäßige Bewegung und Wasser etwa. Beides bewirkt, dass die Verdauung flutscht und Keime regelmäßig ausgeschieden werden. Ebenso positiv wirken sich Entspannung sowie eine pflanzenreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen aus. Mit Ernährung lassen sich – nach dem heutigen Wissensstand – die größten positiven Veränderungen erzielen, allerdings muss man die Sache ernst nehmen. Ein, zwei Wochen Grünzeug und Vollkornprodukte einwerfen und dann wieder zu Kaiserschmarren, Wurstsemmel und Schnitzel zurückzukehren reicht aber leider nicht. Soll heißen: Wie bei allem im Leben zahlt sich auch hier Konsequenz aus. 

Denken, lernen, lieben 

Jeder Lebensbereich profitiert von einem gesunden Darm. Sogar auf die Gehirnleistung scheinen die Bakterien Einfluss zu haben, wie der Grazer BioTechMed-Forschungsverbund herausgefunden haben will. „In den Gehirnscans war zu sehen, dass bei den Teilnehmern, die spezielle Probiotika verabreicht bekamen, andere Gehirnregionen verstärkt aktiviert wurden als bei den Placebo-Probanden“, so Veronika Schöpf, Professorin für Neuroimaging an der Universität Graz. Ebenso scheint das Mikrobiom Auswirkungen auf die Partnerwahl zu haben. Dass schweißzersetzende Bakterien auf der Haut dafür verantwortlich sind, ob man eine Person „riechen“ kann oder nicht, ist bekannt. Aber die Sache wurzelt tiefer. Die Forschung geht davon aus, dass Keime prinzipiell daran interessiert sind, die passenden „Wirte“ zusammenbringen, um ihr eigenes Fortbestehen zu sichern. Obendrein legt eine Mäusestudie nahe, dass ein gutes Darmmikrobiom unsere Attraktivität für andere erhöht. Dr. Susan Erdman vom Massachusetts Institute of Technology ließ in einer Versuchsreihe eine Gruppe Nager hauptsächlich probiotische Lebensmittel fressen. „Das Fell dieser Mäuse wurde glänzender, sie sahen generell gesünder aus und entwickeln sich zu regelrechten Traumprinzen in der Nagerwelt, die vermehrt das Bindungshormon Oxytocin im Blut hatten.“ Und was für die Mäuse wichtig ist, kann für den Menschen nicht verkehrt sein. Insofern: tauchen wir auf den folgenden Seiten weiter ein… 
 

Wie viele Mikrobiome hat der Mensch? 


90 Prozent all unserer Bakterien leben im Darm – sie kriegen von der Wissenschaft die meiste Aufmerksamkeit. Aber es gibt noch weitere Mikrobiome in unserem Körper. Hier die wichtigsten fünf. 


Mund und Hals 

Gerät die Mikroben-Gemeinschaft des Mundes in den Halsrachenraums aus dem Gleichgewicht, etwa durch zuckerreiche Ernährung, Zigaretten oder Alkohol, können Mundgeruch, Karies oder Zahnfleischprobleme die Folge sein. 

Nase 

Die Nase ist ein wichtiger Zugang zum Körper. Sie wird deshalb von Mikroben „bewacht“, die unliebsame Eindringlinge bekämpfen und unsere Schleimhäute feucht halten. Aktuell wird an probiotischen Nasensprays geforscht, die Nasennebenhöhlenentzündungen schneller lindern sollen. 

Haut 

Unser größtes Organ und die erste Bakterie gegen Krankheitserreger. Mikroorganismen sind für die Duftproduktion und den Feuchtigkeitshaushalt zuständig, sie aktivieren aber auch unser körpereigenes Immunsystem. Die Verteilung der Bakterienarten ist je nach Hautstelle unterschiedlich, in der Ellenbogenbeuge leben andere Bakterien als etwa in der Achselhöhle. 

Geschlechtsorgane 

In unserem Urogenitaltrakt tummeln sich rund 250 verschiedene Bakterienarten. Bei einer Frau machen verschiedene Milchsäurebakterien 70 Prozent des vaginalen Mikrobioms aus. Die Aufgabe dieser Mikroben ist, den pH Wert zu regulieren und vor Infektionen zu schützen. 

 

Die Seele wohnt im Darm 


Können meine Darmbakterien mich happy machen? 


Die mikroskopisch kleinen Bewohner in unserem Darm steuern unsere Stimmung und sogar unsere Persönlichkeit – sagen neue Studien. Für den Schweizer Psychotherapeuten und Buchautor Dr. Gregor Hasler ist das keine Überraschung. Er sagt: Der Darm lenkt mehr, als bisher angenommen wurde. 

 

Schüchternheit, Mut, Ängstlichkeit gelten gemeinhin als Charaktereigenschaften. Jetzt hört man plötzlich, das Ganze sei auch eine Frage der richtigen Darmbakterien. Dass der Darm die Persönlichkeit sowie unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst, darüber gibt es keinen Zweifel. Einzig welche Bakterien nun genau für welche Stimmung verantwortlich sind und in welcher Zusammensetzung die vorgefunden werden müssen, das weiß man leider noch nicht. 

Was kann die Wissenschaft denn gesichert sagen? Dass sich aus einer scheuen Maus eine mutige Maus machen lässt, zum Beispiel. Setzt man den schüchternen Mäusen unter laborsterilen Bedingungen die Darmbakterien der mutigen Mäuse ein, zeigen sie plötzlich ähnliches Verhalten. Die Ergebnisse dieser Tierstudien lassen sich natürlich nicht eins zu eins auf Menschen übertragen, aber sie sind durchaus erstaunlich und zeigen: Mehr als bisher angenommen läuft über Darmbakterien und über den Vagusnerv. 

Den Vagusnerv haben auch wir Menschen, richtig? Ja. Dieser Nerv führt vom Hirn bis in den Darm wo er sich tief verzweigt. Lange wurde angenommen, der Informationsfluss gehe von oben nach unten. Das Hirn agiere wie eine Art Kaiser, der dem Darm auftrage, was zu tun ist. Von wegen, mittlerweile ist klar: Es ist umgekehrt. Gut 80 Prozent der Infos gehen vom Darm rauf zum Hirn. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist das nur logisch. 

Warum? 

Weil der Darm unser ältestes Sinnesorgan ist. 

Er entwickelte sich bei allen Lebewesen lange vor dem Hirn. Bei Tierversuchen zeigte sich: Schneidet man den Vagusnerv durch und unterbricht man den Kommunikationsfluss vom Darm zum Hirn, dann sind die persönlichkeitsverändernden Effekte weniger zu beobachten.
 

Und welche gesicherten Erkenntnisse gibt es zum Menschen? 

Der Darm spielt bei Depressionen und Autismus eine Rolle. Die Zusammensetzung der Darmbakterien ist bei Patienten mit Depressionen oder Autismus eine andere als Nichtdepressiven und Nichtautisten. Auch Essstörungen wie Bulimie können eine Folge einer Entzündung im Darm sein, die das Hirn angreift. Und dann hat sich gezeigt: Parkinson beginnt häufig im Darm. Damit meine ich nicht Verstopfung oder Durchfall, vielmehr sind die Nerven im Darm beeinträchtigt, was dazu führt, dass die Darmtätigkeit abnimmt. 

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sich die seelisch Verfassung von Patienten mit Depressionen verbessert, wenn sie ihre Ernährung umstellen? 

Durchaus. Ausgewogene Ernährung, die eine Vielfalt von Mikroben im Darm fördern, ist ein wichtiger Pfeiler. Aber für ein gesundes Mikrobiom braucht es auch andere Faktoren, regelmäßige Bewegung etwa. Wer viel sitzt, bekommt einen trägen Darm, in Folge der verminderten Darmtätigkeit kommt es zu einer Veränderung der Darmbakterien, weil keine regelmäßige Entleerung stattfindet. Ich selbst versuche täglich eine halbe Stunde zu gehen. 

Welchen Einfluss hat Stress? 

Bei Stress verändert sich die Magensäure und damit sind automatisch auch die Darmbakterien betroffen. 

Viele machen Antibiotika für ein aus dem Gleichgewicht geratenes Darm-Mikrobiom verantwortlich. 

Antibiotika muss man vorsichtig verschreiben. Sie töten nicht nur krank machende Bakterien, sondern auch die guten, fleißigen und friedlichen Darmbewohner. Aber man kann nicht alle Antibiotika verteufeln. Was interessant ist: Bei der Behandlung von Depressionen hat sich gezeigt, dass gewisse Antibiotika auch positive Veränderungen bewirken können – weil sie etwa gegen eine Überwucherung mit Bakterien wirken, die wahrscheinlich die Depression mit ausgelöst haben. 

 

Wie beziehen Sie als Psychiater den Darm mit ein? 

Vorweg: Ich verschreibe durchaus Antidepressiva und Ähnliches. Aber der Darm spielt eine wichtige Rolle. Für mich geht es dabei nicht darum, zu klären, ob jemand spezielle Probiotika oder Präbiotika zu sich nimmt. Ich frage nach: Was isst der Patient? Wann wird gegessen? Passiert das immer zur selben Zeit? Nimmt man sich Zeit, zu kochen? Depression hat immer auch mit der Störung der inneren Uhr zu tun. Jede Zelle hat eine innere Uhr und nicht nur Licht dient als Zeitgeber. Essen ist ebenfalls ein wichtiger Faktor für den inneren Rhythmus. 

 

Wie lange dauert es, um ein Darmmikrobiom wieder ins Gleichgewicht zu bringen und stimmungstechnisch eine Verbesserung zu erfahren? 

Von Urvölkern, die in Regen- und Trockenzeiten eine völlig unterschiedliche Ernährung zeigen, wissen wir: Die Umstellung der Darmbakterien kann schnell passieren, binnen ein bis vier Wochen. 

 

Worauf vertrauen Sie, um ein gesundes Darm-Mikrobiom zu fördern? In ihrem Buch erwähnen Sie, dass ihre Geheimwaffe Honig ist… 

Dem Honig wird probiotische Wirkung zugeschrieben, ja. Aber man sollte es damit nicht übertreiben. Alles in Maßen! 

 

Wie steht es mit Walnüssen, Olivenöl und Esskastanien, die laut Studien stimmungsaufhellend wirken? 

Diese in die Ernährung einzubauen ist sicherlich empfehlenswert. Generell lässt sich sagen: Eine leichte, mediterrane Kost mit viel Gemüse, Obst sowie hochwertigen Ölen ist von Vorteil für den Darm. Um sich sein eigenes Essverhalten vor Augen zu führen, nehme ich gerne den Mund als Beispiel. So, wie wir essen, sind wir alle anfällig für Karies, weil in unserer Nahrung viel versteckter Zucker ist. Jäger und Sammler, die vor 10.000 Jahren lebten, hatten wesentlich bessere Zähne als wir und sie verfügten über vielfältigere Mundbakterien. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass auch Vollkornbrot schon im Mund zu Zucker wird, so wie alle Getreide die gemahlen sind. 

 

Abschlussfrage: Im alten China ging man davon aus, dass dort, wo der Darm sitzt, auch die Seele sitzt. Was ist Ihre Meinung? 

Mein Eindruck ist, der Darm ist die Ursprungsseele. Und unser Denken und Fühlen ist eingebettet im ganzen Körper, nicht nur im Hirn. 

(Beitrag von Dr. Gregor Hasler, Professor für Psychotherapie an der Uni Freiburg, Schweiz)

 


 

12 TIPPS, DIE DEIN DARM-MIKROBIOM VERBESSERN 

Schon klar, niemand kann hundertprozentig perfekt essen und leben. Aber zum Glück sind´s viele kleine Dinge, die die stillen Bewohner im Darm glücklich machen. Walnüsse etwa. Schleimiges Zeug oder Hunde. 


Her mit dem Ballast! 

Wenn´s eine Sache gibt, die unsere guten Darmbakterien lieben, dann sind das Ballaststoffe. Sie sind das Futter, das sie am besten gedeihen lässt. Nicht umsonst empfehlen Mediziner mindestens 30 Gramm pro Tag. Idealerweise stammt eine Hälfte davon aus Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten (z.B. Linsen, Erbsen, Kichererbsen), Nüsse und Mandeln; Die andere Hälfte aus Obst (z.B. Beeren, Trockenfrüchte) und Gemüse. Wobei für letzteres gilt: Feste Soßen wie Karotten, Fenchel, Paprika oder Kohlgemüse enthalten mehr Ballaststoffe als wasserreiche Sorten wie Salatgurken, Blattsalat oder Zucchini. 

 

Immer schön schleimen 

„Im Darm tummeln sich auch viele schleimbildende Bakterien, darunter Akkermansia muciniphila, deren Sekrete sich schützend um den Verdauungstrakt legen“, weiß Dr. Alexandra Knauer, Allgemeinärztin in Wien und Expertin für traditionelle chinesische Medizin (TCM). „Für die westliche Medizin ist die Entdeckung dieser Bakterien relativ neu. In der TCM Ernährung hat man interessanterweise seit jeher auf Reisschleim, sogenanntes Congee, zur Stärkung der Mitte gesetzt.“ Ein ähnlicher Effekt wie Congee wird Haferschleim sowie abgekühlten Nudeln und Kartoffeln nachgesagt. „Durch den Prozess des Abkühlens bildet sich hier ebenfalls eine Schleimschicht“, so Knauer. Sie empfiehlt, zudem auf „schleimbildende“ Gemüsesorten wie Okraschoten oder auf Leinsamen und Chiasamen zu setzen. „Gibt man letzteres ganz ins Müsli oder ins Joghurt, scheidet der Körper sie unverdaut wieder aus. Besser ist, geschrotete Samen zu verwenden, die man kurz quellen lässt. Oder man kocht sie kurz auf, lässt den Sud über Nacht stehen und trinkt nur das Wasser mit den Schleimstoffen.“ 

 

Wasser marsch! 

Wasser bringt Bewegung in den Magendarmtrakt und hilft dem Nahrungsbrei, von Station zu Station zu wandern. Fehlt es, drohen durch das Stocken Gärprozesse. Insofern: Prost! Bis die empfohlenen zwei Liter pro Tag erreicht sind. 

 

Eine Handvoll Walnüsse pro Tag 

Das Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München fand heraus: Wer täglich 43 Gramm Walnüsse isst – die Studie zog sich über acht Wochen -, erzielt eine positive Wirkung auf das Darm-Mikrobiom. Konkret fanden sich bei den Testpersonen mehr probiotische und Buttersäure produzierende Bakterien im Stuhl als bei den Probanden mit nussfreier Ernährung. Obendrein wurde eine Verbesserung des Fettstoffwechsels sowie des Cholesterinspiegels festgestellt. Win-win, quasi. 

 

Der Wuff-Trick 

Im Haushalt lebt ein Hund? Oder im Freundeskreis findet sich ein Kläffer, den man sich für ein paar Stunden ausleihen kann? Wunderbar. Hunde mischen das Darm-Mikrobiom positiv auf. Vorallem bei Kleinkindern, die mit Haustieren aufwachsen, trägt das zu einer vielfältigen Entwicklung der Bakterien-Gemeinschaften im Körper bei. In diesem Sinne: Einfach mal eine Runde mit dem nächsten Fellball kuscheln – und alle sind happy. 

 

Kleine Verschnaufpausen 

Wer ständig snackt, gönnt seinen Darmbakterien keine Pause. Soll heißen: Ja zu Fastentagen oder Dinner-Cancelling. TCM_Ärztin Alexandra Knauer geht sogar einen Schritt weiter: „Viele bekommen von Ballaststoffen Blähungen. Der Grund ist sehr oft eine Fehlbesiedelung im Darm, die Gärungsprozesse auslöst. In diesem Fall empfehle ich eine ein- bis dreiwöchige Darmerholung mit basischer Ernährung, also viel gekochtem und gedünstetem Gemüse, Eiweiß in Form von Frischmilchprodukten oder aus veganen Quellen sowie das Weglassen von Zucker, schlechten Fetten und Alkohol. Damit kann man den Darm soweit bringen, dass er am Ende Balllaststoffe wieder verdauen kann.“ 

 

Weniger Süßzeug und Softdrinks = weniger Pilze 

Im Darm tummeln sich auch diverse Hefepilze. Die sind prinzipiell harmlos, außer man isst zu viel Zucker. Dann vermehren sich die kleinen Kerle explosionsartig und drängen andere Bakterien zurück, zum Beispiel jene, die Grünzeug und Balllaststoffe lieben. Ganz blöd wird’s, wenn sich zum Zuckerrausch ein Breitband-Antibiotikum dazugesellt. Das Medikament löscht viele „gute“ Bakterien aus und Pilze haben leichteres Spiel. 

 

Stay „clean“ 

Kopfweh, Hangover oder Muskelkater – und schon wird eine Schmerztablette eingeworfen? Merke: Jedes Medikament beeinflusst das Darm-Mikrobiom. Sich vorher die Frage zu stellen: Fehlt es mir vielleicht nur an Wasser, Schlaf und Ruhe?, Ist für das Gleichgewicht der Darmbakterien wichtig. 

 

Om Shanti (oder was einen sonst runterbringt) 

Stress verändert Atmung, Herzschlag – und auch die Verdauungssäfte, was wiederrum die Mikroben-Gemeinschaft im Dickdarm irritiert. Darum: Meditieren. Bewusst atmen. Stresspunkte massieren. Tagträumen. Irgendwie entspannen. Fünf, zehn Minuten reichen für den Anfang völlig aus. 

 

10 

Lebende Mikroben essen 

Wenn´s ums Darm-Mikrobiom geht, dann fällt schnell der Begriff „Probiotika“. Das sind Mikroorganismen, denen Magen- und Gallensäure nichts anhaben können und die quicklebendig im Dickdarm ankommen. Nicht selten werden sie als Allheilmittel angepriesen. In der Apotheke finden sich unzählige Pulver und Kapseln. Aber zu welchen Stämmen soll man greifen? Und: Wie wirkt es sich auf die bereits vorhandenen Darm-Bewohner aus, wenn plötzlich eine Flut an speziellen Bakterien Einzug hält? Das hat keine Studie bisher so genau erklärt. Wer diese Sache ganzheitlich angehen will, greift anstelle von Fertigmischungen besser zu probiotischen Lebensmittel. Milchsäurebakterien finden sich etwa in stichfesten Naturjoghurt, Kefir und Buttermilch. Ebenfalls gut sind Nahrungsmittel wie Sauerkraut, Essiggurken, Kimchi, fermentierte rote Rüben, Miso-Paste, Apfelessig, frischer Kombucha und „alter“ Käse (z.B. Gorgonzola, Cheddar oder Gruyère). 

 

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Ist der Hadza-Stamm… 

Das Urvolk der ostafrikanischen Hadza weißt in puncto Darmbakterien eine Vielfalt auf, die es sonst nirgendwo in der Welt gibt. Im Verdauungssystem der Jäger und Sammler aus Tansania tummeln sich bis zu 40 Prozent mehr unterschiedliche Bakterien als im Darm eines „normalen“ Europäers. Warum? Hadza essen rund 100 Gramm Balllaststoffe pro Tag – und sie sind gezwungen, sich in der Regenzeit völlig anders zu ernähren als in der Trockenzeit. Im Laufe eines Jahres landen so rund 600 unterschiedliche Pflanzen, Beeren, Samen, Nüsse und Tiere in ihren Mägen, während unsereins durchschnittlich nur rund 50 verschiedene Pflanzenquellen und Fleischarten verspeist. Was wir davon lernen können? Neugier zahlt sich aus. Wer „unbekannte“, frische Dinge in den Einkaufskorb legt, lernt nicht nur spannende Geschmäcker kennen, sondern „züchtet“ sich auch neue Darmhelfer heran. 

 

12 

…oder iss zumindest nach den Farben des Regenbogens 

Rot, Grün, Gelb, Orange, Blau, Weiß, Violett. Wenn jede Farbe im Laufe des Tages einmal in gesunder Form in den Mund gewandert ist (Gummibärchen zählen leider nicht dazu), hat man schon sehr viel richtig gemacht. 

Das mögen Darmbakterien nicht 

 

·         wenig Balllaststoffe 

·         Weizenmehl 

·         Industriezucker 

·         viel Fleisch und Wurst 

·         künstliche Aromen und Geschmacksverstärker 

·         Konservierungsstoffe, künstliche Süßstoffe 

·         Alkohol 

·         Rauchen (löst Entzündungsprozesse im Darm aus) 

·         chloriertes Trinkwasser 

·         zu wenig Bewegung 

·         übertriebene Hygiene 


 

Prä- und Probiotika: 

Was ist der Unterschied? 

 
Vereinfacht gesagt sind in Erstere ein Festmahl für Zweitere. Während Probiotika lebende Mikroorganismen sind, stellen Präbiotika das Futter für die Winzlinge dar. Es handelt sich hier um lösliche Balllaststoffe (z.B. Insulin und Oligofructose), die intakt in den Dickdarm gelangen, um dort den guten Darmbewohnern als Nahrungsquelle zu dienen. Reich an Präbiotika sind etwa Weizen, Artischocken, Schwarzwurzeln, Lauch und Spargel. 
 

Tipp: Probiotische Lebensmittel selber machen 

Alles, was es braucht, sind ein Einmachglas mit Schraubverschluss, Salz, Wasser und Gemüse. Zum Fermentieren eignen sich z.B. Weißkraut, Karotten, Paprika und Rettich. Das kleingeschnittene Gemüse wird mit Salz und etwas Wasser gut durchstampft und bei Zimmertemperatur ins Einmachglas gegeben. Die ersten drei Tage liegt der Deckel lose auf, danach das Glas gut verschließen. Nach zehn bis zwölf Tagen ist das milchsauer Vergorene bereit zum Verzehr. 


 

Hallo, wie geht´s euch bei mir? 


Um ihre Darmbakterien besser zu verstehen, lässt Autorin Waltraud Hable ihre Mitbewohner analysieren. Was das Ganze zu Tage fördert? Eine gewichtige Vergangenheit. Dass ihre Bakterien Faulpelze sind. Und dass sie künftig mehr spazieren gehen und Äpfel mit Schale essen sollte. 


Ein verschraubbares Röhrchen mit einer klaren Flüssigkeit drin. Etwas, das wie ein Plastik-Wattestäbchen aussieht. Eine Toilette. Ein vorfrankiertes Briefkuvert. So fängt alles an. Ich werde mein Darm-Mikrobiom analysieren lassen. Warum? Weil ich denke, dass es nach 42 Jahren an der Zeit ist, mich mit meinen stillen Mitbewohnern vertraut zu machen. Und auch, weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Ich war in der Vergangenheit nicht immer nett zu den Herrschaften in mir drin. Genauer gesagt habe ich ihnen oft den Krieg erklärt. Durch hirnverbrannte Diäten, gepaart mit Schokolade-Frustfresserei, zum Beispiel. Außerdem wurden nicht wenige Antibiotika durch meinen Körper gejagt – wie bei vielen Frauen, die an Harnwegsinfekten leiden. Wenn man ständig mit verknoteten Beinen und Leidensmiene dasteht, denkt man nicht an seine Darmbakterien, da ist einem irgendwann alles recht. 
 

„Die Bakterien im Darm geben überraschend viel über mich und meine Lebensgeschichte preis.“ 

 
Jedenfalls: Seit acht Monaten bin ich „clean“. Keine Infekte, die nach aggressiven Tabletten verlangen. Zusätzlich habe ich einer recht ausgewogenen Ernährung gefrönt. Die  Quarantäne-Phasen während der Pandemie hatten auch Vorteile, ich habe viel gekocht, vor allem gesundes Zeug. 

"Offenbar hapert´s bei der Darm-Gemeinschaft in Sachen Arbeitsmoral."

 

Meine Bakterien, die Schlafmützen 

Meine Mitbewohner, so zeigt die Analyse, sind stinkefaul, wenn´s darum geht, Fette, Zucker, Vitamine und Eiweiße zu verstoffwechseln. Da erbringen sie nur unterdurchschnittliche Leistung. „Wie treibe ich die Faulpelze an?“, fragte ich Sladek. Diese rät, die Sache erst mal nicht tragisch zu nehmen. Sie erklärt mir, dass es im Menschen zwei Stoffwechsel-Systeme gibt. Das des Körpers und das des Mikrobioms. Soll heißen: Gewisse Nährstoffe kann mein Körper eigenständig verwerten. Was er nicht schafft, müssen die Bakterien erledigen. „Vielleicht funktioniert ja Ihr Körperstoffwechsel super, und nur die Bakterien sind langsam“, vermutet Sladek. Die Streberin in mir beharrt trotzdem darauf, die stillen Gäste aufzumischen. Bloß wie? „Die Forschung weiß, dass Bewegung an der frischen Luft die Darmperistaltik ankurbelt“, sagt Sladek. „Zimt, Kurkuma, belebende Tees und Zitronenwasser in der Früh bringen den Stoffwechsel ebenso in Gang und damit auch die Bakterien.“
 

Mit Essig, Apfel und Geduld 

Darm-Herz-Achse. Darm-Hirn-Achse. Darm-Leber-Achse. Darm-Haut-Achse. Zumindest hier ist alles paletti. Soll heißen, die Darmbakterien, die in einem regen Austausch zum jeweiligen Organ stehen, sind bei mir im grünen Bereich. Und auch die meisten Bakterien, die mit einem Reizdarm-Syndrom oder Hautkrankheiten wie Psoriasis assoziiert werden, scheinen sich nicht groß breitzumachen. Als ich die letzte Zeile des Berichts durchgelesen und mich von Sladek verabschiedet habe, lehnte ich mich zurück. Ich google „Firmicuten“, die Dickmacher-Bakterien, um zu erfahren, was sie nicht mögen. Ha, Essig! Wird demnächst in der Früh schlückchenweise und verdünnt getrunken. Ich lese, dass sie in Verbindung mit Stress und Hormonen gebracht werden. Mir ist nach Schokolade. Aber diesmal bleibe ich standhaft. Ich gehe zur Obstschale und greife mir einen Apfel. Und auch wenn in der Forschung noch vieles schwammig scheint, irgendwie fühlt es sich gut an, Namen für meine Mitbewohner zu haben und zu wissen, wem ich was füttern kann, damit am Ende vielleicht alle glücklich und gesund sind. 

Das erste Kennenlernen lief ja nicht so schlecht, jetzt muss ich dranbleiben. 

Freundschaften brauchen Zeit.

(Quelle: Carpe Diem)